Tyssa und seine Schule

Im August 1996 unternahmen wir wieder einmal eine Fahrt zu meinem ehemaligen Heimatort Tyssa.  Mit Übernachtung in Bahratal sollte der folgende Tag ganz der Besichtigung meines Heimatortes, seiner Umgebung und der Tyssaer Wände gehören.  Ich hatte mir vorgenommen, bei dieser Fahrt auch einen Abstecher nach Raiza und Schneeberg zu unternehmen, da ich beide Orte seit 1944 nicht mehr gesehen habe.  Von Peterswald her über den Ortsteil Brache kommend, führte unser Weg an der Schule vorbei nach Raiza, wo wir angenehm überrascht vom guten Zustand der Gaststätte „Waldbaude“ waren, zu der ich früher mit meinen Eltern öfters wanderte.  Der Ort selbst träumt weiterhin seinen „Dornröschenschlaf“.  In Tyssa wieder angekommen, wollte ich ursprünglich die „Kleine Wand“ zuerst aufsuchen und stellte unser Auto deshalb auf der Rückseite der Schule neben dem Haus vom „Rotsch Heger“ ab.

Auf dem Hinterhof der Schule sah ich Bauarbeiter, die in den zur Zeit herrschenden Schulferien wohl Instandsetzungsarbeiten durchführten.  Mir kam sofort der Gedanke, dass ich die Gunst der Stunde ausnutzen sollte, um eventuell eine „Schulbesichtigung“ zu erwirken.  Obwohl ich die tschechische Sprache nicht beherrsche, fand ich Gehör und Einverständnis bei dem freundlichen Hausmeister der Schule.  Mit „Händen und Füßen“ trug ich meine Bitte vor und erklärte ihm dabei, dass ich die Schule von 1934 bis 1942 besucht habe und mich sehr freuen würde, diese noch einmal besichtigen zu können.  Er holte ein großes Schlüsselbund aus seinem Zimmer und begann mit mir einen Rundgang durch das ganze Schulgebäude.  Angefangen von der unteren Etage, wo sich die große Turnhalle und die Handarbeitsräume sowie die  Lehrküche befinden, dann hinauf in die erste Etage.  Er schloss dabei alle Räume auf und ich konnte mich vom guten Zustand überzeugen.  In den Klassenräumen wurde neuer Fußbodenbelag ausgelegt.  Sie sind zu Fachkabinetten umgestaltet und mit moderner Einrichtung ausgestattet.  Sogar zwei Klaviere stehen für den Musikunterricht bereit, worüber sich unser ehemaliger Lehrer, Herr Salamon, der uns nur mit seiner Geige begleiten konnte, bestimmt auch sehr gefreut hätte.  Begeistert war ich, als ich auf den Korridoren die noch aus meiner Schulzeit komplett erhaltenen und zum Teil erweiterten Anschauungsvitrinen sehen konnte, wo sogar die noch von meinem Großvater und Vater zur Verfügung gestellten präparierten Jagdtrophäen vorhanden sind.  Die an der Stirnseite der Korridore befindlichen Garderoben sind genau noch so erhalten und die Sanitäranlagen modern erneuert.  In der zweiten Etage wurde auch emsig in den Klassenräumen renoviert und ich war erstaunt über die Baumaßnahmen über der Turnhalle.  Hier war man dabei, auf dem ursprünglichen Flachdach dieser Halle ein weiteres Stockwerk aufzubauen, um mehr Platz zu schaffen.

Nun ging die Führung weiter in die oberste Etage, wo sich zu meiner Zeit der Raum für die 8. Klasse befand.  Von dort bot sich ein herrlicher Blick über ganz Tyssa bis weit übers Land.  Da ich nach 1944 nie wieder am Ziegelteich, unserem beliebten Waldsee war und gehört hatte, dass er angeblich im militärischen Sperrgebiet liegt, ersuchte ich den hilfsbereiten Hausmeister um Aufklärung.  Nun kam die „Krönung“.   Er holte aus dem Nebenraum, wo wir in den Kriegsjahren fleißig gesammelte Heilkräuter zum Trocknen ausgelegt hatten, ein altes militärisches Scherenfernrohr, welches er in Blickrichtung Ziegelteich in Stellung brachte.  Beim Durchblicken gab er mir zu verstehen, dass der Ziegelteich nicht mehr im militärischen Sperrgebiet liege und ich ihn aufsuchen könne.

Am Ende dieser Führung bedankte ich mich herzlichst bei dem überaus hilfsbereiten Hausmeister der Schule.  Man kann sich vorstellen, dass für mich dieser „Schulbesuch“ nach 54 Jahren ähnlich aufregend war, wie der zu meiner „Einschulung“.

Nun wollte ich aber den Ziegelteich noch einen Besuch abstatten.  Vorbei am „Mühlteich“, der nunmehr als kleine Badeanstalt ausgebaut wurde, ging die Fahrt bis zum Ortsteil „Am Hofe“, wo ich das Auto abstellte und frohen Mutes den bekannten Wanderweg über die Felder zum Ziegelteich einschlug.  Leider wurde ich beim Näherkommen an unser ehemaliges beliebtes Waldfreibad vom Anblick enttäuscht.   Es grüßte nicht mehr der stählerne hohe Turm aus der Ferne, woran uns Sprungbretter und Wasserrutschen sonst erfreuten.  Außer der Staumauer erinnerte nichts mehr an den einstigen Sport- und Vergnügungsort.  Als einzige Badegäste schwammen einige Enten in dem halbleer gelaufenen, verschilftem Gewässer.   Dieser Anblick war für mich bedrückend.

Die weitere Erkundungstour zu den Tyssaer Wänden, mit Einkehr in der Touristenbaude und weiter zum Hohen Schneeberg schlossen den erlebnisreichen Tag in meiner alten Heimat ab.  Der Höhepunkt des Tages blieb jedoch mein „Schulbesuch“.

Harald Richter
Rostock, April 2005