Im Sturzflug durchs Himmelreich nach Eiland

Endlich hatte ich es geschafft!  Es war 1944 und mein Berufswunsch ging in Erfüllung.  Ich wurde Forstlehrling bei der Fürstlich-Thun-Hohensteinschen Forst- und Revierverwaltung in Tyssa.  Mein Vorgesetzter, Herr Oberförster Renger, war ein Forstmann, wie man sich ihn nur wünschen kann.
Er kannte „seinen Wald und seine Tiere“ in- und auswendig.

Nun waren also alle Hürden übersprungen, die mich zu diesem Ziel führten.  Die erforderliche mittlere Reifeprüfung hatte ich an der Hauptschule für Jungen in Bodenbach auf dem Krohhübel gut bestandenmir fehlenden 2 cm zum Mindestmaß von 1,60 m für einen Forstlehrling wurden durch emsige Dehn- und Streckübungen an verschiedenen Sportgeräten ebenfalls erreicht.  Mein Sportlehrer, Herr Lösel, hätte es aufgrund meiner Leistungen zwar lieber gesehen, wenn ich Sportlehrer geworden wäre, da jedoch mein eigener Berufswunsch zum Förster auch noch durch die Vorbildwirkung von meinem Ur- und Großvater genährt wurde, die auch schon Förster waren, entschied ich mich für die „grüne Gilde“.  Daß mein Großvater darüber sehr erfreut war erkannte ich daran, daß er mir zu meinem 16.Geburtstag ein Jagdgewehr mit Zielfernrohr schenkte, obwohl er sonst gar nicht so spendabel mit Geschenken war.

Da ich von meiner Kindheit an bereits meinen Vater, der leidenschaftlicher „Sonntagsjäger“ im Revier auf dem Oberwald beim Ziegelteich in Tyssa war, bei seinen Pirschgängen und anderen für mich romantischen Begebenheiten im Wald begleiten durfte, ging mit meinem Dienstbeginn als Forstlehrling ein großer Traum in Erfüllung.  Es bereitete mir vom ersten Tag an Freude und wenn ich nach Erledigung der erforderlichen Verwaltungsarbeiten, z.B. Aufrechnung der geschlagenen Holzmengen (leider gab es noch keine Rechenmaschine), meine Reviergänge durch den herrlichen Wald durchführte, kam ich mir vor wie im Urlaub.

Das Erlebnis eines Tages werde ich jedoch nie vergessen.  Ich erhielt von meinem Oberförster den Auftrag, zu unserem Heger, Herrn Lang, der in Eiland wohnte, eine Botschaft zu überbringen.  Da ich diese Strecke zu unserem Nachbarort mit dem Fahrrad leicht erreichen konnte, erlaubte ich mir nebenbei einen kleinen Abstecher zu meiner Freundin zu unternehmen, die ganz in der Nähe in der Waldvilla (Tyssa Nr. 172) wohnte.  Leider hatten wir uns dabei etwas länger „verplaudert“, so daß ich mich sputen mußte, um meinen Auftrag noch rechtzeitig erfüllen zu können.  Um die Fahrtstrecke zu verkürzen entschloß ich mich, nicht die Straße nach Schneeberg mit Abzweig Eiland zu nehmen, sondern den Wanderweg von der Touristenbaude übers „Himmelreich“ hinunter nach Eiland.  Das war jedoch ein folgenschwerer Irrtum!  Den Namen „Himmelreich“ hat dieser Wanderweg deswegen bekommen, da er sich von Eiland aus mit zahlreichen Kurven steil nach oben windet, als ob es in das „Himmelreich“ gehen würde.  Für Wanderungen ist dies eine ideale Route, wo man auf Sitzbänken sich ausruhend, von oben einen herrlichen Blick auf das von Felsen und Wäldern umgebene Eiland genießen kann.  Das hätte ich natürlich auch wissen müssen!  Aber da die Zeit drängte, wagte ich es trotzdem und fuhr die Strecke Rücktritt haltend langsam an.  Einige Kurven konnte ich noch meistern, dann ging es immer schneller trotz bremsen und ich segelte in die Büsche.  Mein erster Gedanke galt meinem Jagdgewehr, welches ich über dem Rücken trug.  Ich hatte Glück im Unglück, zwar schmerzte mein Bein, aber das Gewehr, das Fernglas und mein Fotoapparat waren heil geblieben. Nun mußte ich humpelnd das Fahrrad schieben, um trotzdem meinen Auftrag erfüllen zu können. Beim „Lang-Heger“ angekommen, konnte ich natürlich schlecht sagen, daß ich übers „Himmelreich“ gekommen bin, sondern mußte als kleine Notlüge vermelden, daß auf der normalen Straße von Schneeberg nach Eiland, die auch etwas steil nach unten führt, die Fahrradkette abgesprungen sei und ich dadurch in den Straßengraben geflogen bin.  Einige Tage war mein Bein dick geschwollen und schimmerte in allen Farben.  Mein Oberförster besuchte mich am Krankenbett mit Blumen und lobte meine Einsatzbereitschaft trotz „Fahrradpanne“.  Nur gut, daß keiner von meinem „Sturzflug durchs Himmelreich“ etwas erfuhr.  Aber nun, wo alle bereits in dem ewigen „Himmelreich“ sind, kann ich es ja erzählen.

Harald Richter,
Rostock, Juli 2006