Tyssa war ein Wintermärchen

Tyssa mit seiner Höhenlage von 620 Metern hatte im Winter so viel Schnee und frostige Temperaturen anzubieten, dass besonders die Jugend beim Wintersport voll auf ihre Kosten kam, während die für den Räumdienst Zuständigen oft darunter zu leiden hatten.  Nie brauchte der Weihnachtsmann befürchten, dass er nicht genügend Schnee unter den Kufen seines Pferdeschlittens hatte- während der Osterhase manchmal Schwierigkeiten bekam, seine Nester im Schnee unterzubringen. Schneehöhen bis zu 2 Meter und Minustemperaturen von 20° waren keine Seltenheit. Der Ortsteil “Brache“ war auf Grund seiner Lage Spitzenreiter, besonders bei Schneeverwehungen.  Die Häuser waren dann zum Teil so eingeschneit, dass die Kinder vom Dach herunterrodeln konnten und die Hauseingänge von der Straße her wie ein Tunnel freigeschippt werden mussten.  Da es noch keine motorisierten Schneepflüge- oder Fräsen gab, musste ein großer, von kräftigen Pferden gezogener Schneepflug, die Straßen passierbar machen.  Oft half bei extrem hohem Schnee auch dies nicht.  Dann musste geschaufelt werden, oder die Straße blieb eine zeitlang unbefahrbar.  Da strenge Winter an der Tagesordnung waren und deshalb nichts Besonderes für die Bevölkerung darstellten, richtete man sich dementsprechend ein und sorgte für genügend Brennmaterial und „eiserne Verpflegungsrationen.“

Für uns Jugendliche brachte der Winter natürlich viel Freude beim Rodeln, Skifahren oder beim Bau von Schneeburgen mit sich.  Die beliebtesten Skigebiete waren der Abfahrtshang neben dem Turnplatz und Volkshaus, wo auf einer Sprungschanze der Lamer Rudi und der John Heinz Sprünge über 20 Meter erreichten.  Ein weiterer Abfahrtsplatz war der „Kessel“ am Ortsausgang bei Oberförster Renger.  Für ganz Mutige bot sich der steile „Wendtberg“ an, wo man sich vom „Wendt-Ausstopfer“ (Tierpräparator) hinunter zur „Barcher Schenke“ (Berger Schenke) stürzen lassen konnte, falls man unten angekommen in der Lage war, rechtzeitig vor der Straße abzubremsen.  Rodeln oder Bobfahren machte, obwohl es „verkehrsrechtlich“ nicht gern gesehen wurde, auf der ziemlich steil nach unten führenden Straße ab der Gaststätte „Fierpaß“ zur Kurve bei Doktor Demuth und noch weiter bis zur Berger Schenke, großen Spaß.  Hier konnte man dann alle Typen von Schlitten sehen, angefangen von den kleinen metallenen „Quarkprassen“ (Form ähnlich einer Quarkpresse), über Hörnerschlitten bis zum tollen 5-sitzigen Bob.  Zurück hofften wir, uns an ein Fuhrwerk oder den Bus anhängen zu können, falls der Kutscher oder Fahrer es nicht bemerkten.

Um jedoch die Freuden des Winters auch richtig ausnutzen zu können, baten wir als Schüler den Petrus, uns mit viel Schnee und Kälte zu versorgen, damit die „Kohleferien“ noch einige Male verlängert würden.  Offizielle Winterferien gab es damals nicht, da sie sich ganz nach der Wetterlage richteten.  Zu festgelegten Zeiten hatten wir uns zum Empfang von Hausaufgaben in der Schule einzufinden.  Dann sah der Vorplatz zur Schule mit den in dem Schnee steckenden Skiern wie ein großer Stacheligel aus.

Damit die Mütter mit ihren Kleinkindern auch bei Schnee mit dem Kinderwagen gut vorankamen, wurden unter die Räder auswechselbare Kufen angebracht.  Noch zünftiger waren jedoch die ganz aus Holz, einschließlich der Wanne, hergestellten Kinderschlitten, in dem das Kind, warm eingemummelt in einem Pelzsack, bestens gegen Kälte geschützt war.

Interessant waren ebenfalls unsere ersten Kinderschneeschuhe, in die man auch mit Filzschuhen, ähnlich eines großen Schuhes gearbeitete „Skibindung“, einsteigen konnte.  Als Skistöcke gab es damals Nussbaumstöcke.  Wenn alles zugeschneit war, waren Skier nicht nur ein Sportgerät, sondern auch wichtiges Fortbewegungsmittel.  Deshalb war Skifahren beliebt bei jung und alt.

Romantisch anzusehen waren die tiefverschneiten Wälder, wenn die Bäume sich durch die Schneelast manchmal zu märchenhaften Gebilden verformten und die Schneekristalle in der Sonne glitzerten.  Nicht so romantisch ging es bei starkem Raureif zu, wo besonders die freihängenden Strom- und Telefonleitungen durch die auf ihnen liegende Last zu brechen drohten.  Hier hatte Herr Winter (sein Name passte richtig zu der Jahreszeit), der Verantwortliche für die Stromversorgung des Ortes, mit seinen Mannen vollauf zu tun, um mit langen Stangen die Drähte wieder „frei zuklopfen“.

Interessant war es, am dick zugefrorenen Ziegelteich den Männern zuzuschauen, wenn sie große Blöcke aus dem Eis sägten, in denen manchmal sogar ein eingefrorener Fisch wie in einem Aquarium zu bewundern war.  Die Eisblöcke wurden neben dem Hotel „Böhmische Schweiz“ in einem Erdbunker deponiert.  Sie wurden für die Kühlräume der Gaststätte und der Fleischerei benötigt, da es damals noch keine elektrischen Kühlschränke gab.

Wenn ich nun vom damaligen Winter geschwärmt habe und die zaghaften Versuche dazu von Petrus in meiner jetzigen Heimat Rostock sehe, dann denke ich immer noch gern an die Winterzeit in Tyssa, einschließlich der beliebten Kohleferien zurück.

Harald Richter,
Rostock