Tyssa – und eine Ost-West-Wendegeschichte  

Tyssa und seine Umgebung hatte im letzten Krieg das große Glück, dass es durch alliierte Bombenangriffe verschont blieb und deshalb als sicheres Hinterland galt. Ganz anders dagegen sah es in den Gebieten Deutschlands aus, wo sich die „Rüstungsschmieden“ befanden und deshalb Ziele der Bomberströme wurden.  Um die dortige Zivilbevölkerung teilweise zu schützen, wurden kinderreiche Familien in sichere Gebiete des Landes evakuiert.  So kam auch 1943 die Familie Arndt mit vier Kindern aus Duisburg nach Tyssa, wo die „Waldvilla“ (T.172) über die Dauer des Krieges ihre zweite Heimat wurde.

Mit Hermann, dem ältesten Sohn dieser Familie und seiner Schwester Ruth verbanden uns bald enge freundschaftliche Beziehungen, bis Hermann als 17-Jähriger 1944 und ich als 16-Jähriger als „letztes Aufgebot“ noch 1945 eingezogen wurden.  Auch durch jahrelange Kriegsgefangenschaft und Vertreibung aus der Heimat ließen wir unseren gegenseitigen Briefkontakt nicht abbrechen, bis ich ab 1950 als Angehöriger der DDR-Marine laut Vorschrift keinen „Westkontakt“ mehr unterhalten durfte.  Hermann konnte dies verstehen; denn in Zeiten des „Kalten Krieges“ war es „drüben“ ähnlich.  Insgeheim hofften wir jedoch immer, dass es doch einmal „besser“ werden müsste.  Mit der Wende 1989 war es soweit!  Nach 44 Jahren trafen wir uns erstmalig bei mir in Rostock und im Mai 1990 fuhren wir gemeinsam nach Tyssa.  Die Fahrt dorthin begann jedoch an der Grenze mit Hindernissen, da unser gewählter Grenzübergang bei Peterswald, wo wir Tyssa fast sehen konnten, nicht zum Passieren von BRD-Bürgern vorgesehen war.  So waren wir gezwungen, einen ziemlichen Umweg über den Grenzübergang Zinnwald zu fahren, bei dem mein Freund Hermann als Westbürger noch ein stattliches „Eintrittsgeld“ bezahlen musste.  Bei der Straßengabelung Teplitz – Peterswald, besichtigten wir das zur Erinnerung an die siegreiche Schlacht der österreichischen Verbündeten gegen Napoleon von 1813 bei Kulm errichtete würdige Denkmal und waren erstaunt, dass es so gut gepflegt wurde.  Nun ging es Richtung Peterswald weiter bis wir den Ortsteil Brache von Tyssa erreichten.

Wenn ich auch schon einige Male nach der Vertreibung unseren alten Heimatort besucht habe, berührt einen jedes Mal ein nicht zu beschreibendes Gefühl.  Eines Teils ist man erfreut, die alte Heimat wieder zu sehen, in der man die ganze Jugendzeit unbeschwert verleben konnte, andererseits ist man bedrückt zu erleben, dass vom ganzen Ort eben nur noch die „äußere Fassade“ übrig geblieben ist.  Der belebende Kern, seine liebenswerten Menschen sind in alle Winde verstreut.  Nur gut, dass wenigstens das einmalige Naturdenkmal, die Tyssaer Wände, in alter Schönheit erhalten geblieben ist.  

Der erste  Besuch im Ort galt dem Friedhof, wo die Schwester von meinem Freund Hermann, die im Mai 1945 als 16-Jährige verstarb, beerdigt wurde.  Leider erinnerte kein Grabstein an ihre letzte Ruhestätte, bei dem wir unseren Blumengruß ablegen konnten.  Weiter ging es dann zur Waldvilla, in der die Familie Arndt für drei Jahre Aufenthalt gefunden hatte.  Wir konnten diese jedoch erst nach längerem Suchen finden, da sie nach 44 Jahren ein dichtgewordener Wald im Verborgenen hielt.  Es war schon ein komisches Gefühl vor dem Haus zu stehen, wo wir beide uns als junge Burschen das letzte Mal 1945 auf Wiedersehen sagten und jetzt als „Großväter“ ein ganz anderes Tyssa erleben mussten.  Nun hat der tschechische Revierförster in der Waldvilla sein Quartier aufgeschlagen, wogegen das ehemalige Forsthaus vom Oberförster Renger, wo ich als Forstlehrling beschäftigt war, als leer stehende Ruine mit vernagelten Fenstern und Türen dahin schlummert.  Vor meinem Elternhaus (T.375), welches jetzt als Seniorenheim dient, wurde eine kleine „Gedenkminute“ eingelegt, bevor wir wieder zum Rückmarsch starteten.  Beim Anblick der imposanten Tyssaer Wände erinnerten wir uns gern an die dort in herrlicher Landschaft gemeinsam verübten Jugendstreiche bis uns das Schicksal 1945 in alle Winde verstreute und später eine Grenze trennte.

Man kann sich vorstellen, dass das Wiedersehen von zwei Freunden nach vier Jahrzehnten und noch dazu der Besuch in Tyssa, für uns ein bleibendes Erlebnis war, wo das Erzählen über gemeinsam Erlebtes kein Ende nehmen wollte.

                                        Harald Richter
                                        Rostock, Feber 2007