Auf Adlerfang in den Tyssaer Wänden

Nein - ganz so „groß“ war diese geplante Unternehmung nun doch nicht, wie es z.B. Ludwig Ganghofer in seinem bekannten Werk „Schloss Hubertus“ beschreibt, wo beim Ausnehmen eines Adlerhorstes Graf Egge durch herausrieselnden scharfen Adlermist erblindete und fast aus schwindelnder Höhe abgestürzt wäre.  Aber spannend wurde es für uns 13-jährige damals trotzdem.

Die westlichen Ausläufer der Tyssaer Wände, die nicht touristisch mit Wanderwegen erschlossen sind, waren für uns Jugendliche die idealen „Jagdgründe“, wo wir uns in romantischer Umgebung der Felsenwelt bei Indianerspielen austoben konnten.  Hier errichteten wir uns mit Brettern vom Sägewerk Hacker eine kleine Blockhütte, stauten ein kleines Gewässer zu unserem „Silbersee“, fochten so manche Kämpfe zwischen „Indianern und Trappern“ aus, die jedoch stets mit dem Rauchen der Friedenspfeife friedlich beendet wurden. Wir hatten sogar vor, in Anlehnung an die Karl-May-Spiele in Rathen, selbst derartige Spiele zu inszenieren.  Aber dazu waren wir wohl doch noch zu unerfahren.

Bei unseren Streifzügen stellten wir an einer Felsenwand fest, dass in einer Höhe von ca. 15 Metern bei einer kleinen Höhle ein Turmfalkenpaar ( bei uns als „Rüttelgeier“ bekannt ) beim Nestbau ist.  Es war recht interessant, diesem Treiben zuzuschauen. Bald reifte bei uns der Entschluss, die Jungvögel aus dem Nest zu fangen, bevor sie flügge werden, da wir sie zu „Jagdfalken“ ausbilden wollten.  Als es so weit war, rüsteten wir zur Tat. Ausgestattet mit Kletterseil, Wäscheleine mit Beuteltasche zum Hochziehen der Beute, Lederhandschuhen gegen Schnabel- und Krallenhiebe sowie Luftgewehr zur Abwehr der Altvögel, ging es los.  Auf dem Felsen angekommen, wurde gewartet bis die Altvögel wieder zur Futtersuche abflogen und dann ließ sich der „Leichteste und Mutigste“ von uns bis zum Nest abseilen.  Bald konnten die beiden Nestbewohner, die ein mächtiges Geschrei anstimmten, im Beutel hochgezogen werden.  Es ging alles reibungslos vonstatten und wir waren stolz über diesen geglückten „Jagdeinsatz“, wenn auch die Hüter einschlägiger Gesetze bestimmt nicht damit einverstanden gewesen wären.  Aber 13-jährige sahen dies mit anderen Augen. Daheim angekommen, wurden unsere künftigen „Jagdfalken“ in einem vorbereiteten Käfig untergebracht.  Mit Fleischresten, die ich vom Hieken–Fleischer, der seinen Fleischerladen im Hotel „Böhmische Schweiz“ besaß, wurden die Vögel regelmäßig versorgt.

Nach einiger Zeit stellten wir jedoch fest, dass wir mit der Ausbildung der beiden Rüttelgeier zu „Jagdfalken“ überfordert waren.  Es blieb uns nichts anderes übrig, als sie wieder in die Freiheit zu entlassen.  Kaum hatten wir den Käfig geöffnet, schwebten sie dankend ab in die Tyssaer Wände.

Wir waren zwar etwas betrübt, aber eine spannende Sache blieb es trotzdem, die sich in meinen Erinnerungen einen festen Platz gesichert hat.

          Harald Richter,
          Rostock, September 2005