Was unsre alte Postlinde erzählt

Am Fuß des Erzgebirges liegt ein schönes Tal,
es ist mein Heimatort, mein Peterswald.
Umsäumt von Birkenwäldchen sind seine grünen Höhn
und im Tal und in den Hängen die Elternhäuser steh'n,
wo jeder Bürger durch Fleiß und vereinte Kraft
für die Volksgemeinschaft viele Werte schafft.
Du warst Deutsch seit Ursprung deiner Zeit
und Deutsch bleibst du in alle Ewigkeit.
Am Rathausplatz eine uralte Linde steht,
höre ihr zu, was sie dir erzählt:
Viel fremde Krieger sah ich vorüber zieh'n,
sah Fürsten, König und auch Königin.
Ich sah der Heimat Leid, ich sah viel Ungemach,
sah Unterdrückung durch fremde Willkürherrschaft.
Ich sah so vieles, sah Werden und Vergeh'n
und sah die Jugend kommen und die Alten geh'n.
So vieles sahst du alter Lindenbaum?
Es war alles Wirklichkeit, war nicht nur ein Traum.
Schau ich zu dir empor, denk ich an die Vergangenheit,
beschleicht mich tiefe Wehmut und Ergriffenheit.
Du sahst das Kind, was man an dir vorbei zur Taufe trägt,
du sahst die Mutter, die das Kind mit Liebe pflegt.
Du sahst die Jungen und die Mädels bei ihren Ringelreih,
du sahst sie wachsen, blühen und gedeih'n.
Den Rathaussaal sahst du in frohen Festesglanz,
du sahst die Burschen und Mädchen bei Scherz und Tanz.
Du hörtest der Trompeten und das Geigenspiel,
du hörtest den Gesang der Heimatlieder viel.
Unter deinem Laubendach da stand manch liebend Paar,
und hörtest zu, wie man sich Liebe und Treue versprach.
Du sahst den Jg zieh'n in die Welt hinaus,
wie er verläßt die Heimat und das Elternhaus,
verläßt sein Liebchen, weil er scheiden muss,
drückt ihr auf Lipp und Wang den Abschiedskuss,
drückt ihr so innig und lang die warme Hand,
dann zog er fort ins ferne, fremde Land.
Und zögest du gleich über Land und Meer,
eine Heimat und ein Elternhaus findest du nimmer mehr.
Du alter Lindenbaum erzähle weiter fort
was du noch geseh'n in meinem Heimatort.
Ich sah die Braut mit Kranz und Schleier vorüber geh'n,
ich sah alle im Leben, wie sie treu zusammen steh'n.
Ich sah die Heimatsöhne zieh'n in den großen Krieg
und viele, viele kamen nicht mehr zurück.
Am Denkmal, das in der Nähe steht,
in goldner Schrift ist's eingeprägt.
Ich sah viel Kummer, sah Sorgen und Schmerz,
ich sah viel Leid und bittere Not,
in so manchen Hause gab's kein Stückel Brot.
Oft mussten die Kinder zu Bette geh'n,
um am Morgen wieder hungrig aufzusteh'n.
Das war im Kriege und nach dieser Zeit
gab es keine Arbeit weit und breit.
Ich sah viel, ich sah auch den letzten Gang,
wenn sie trugen die Toten den Kirchsteig entlang,
und stumm und traurig sah ich im Friedhof zu,
wenn man bettete diese zur ewigen Ruh.

Das Gedicht ist verfasst von Emil Ritschel ( Werner Emil )
Peterswald Nr. 406 im Jahre 1921-22.