Jugenderinnerungen an Tyssa

Es gibt Erlebnisse, die sich auf Grund von Wiederholungen einen festen Platz in meinen Erinnerungen gesichert haben.  Dazu zählen bei mir das jährlich in Tyssa stattfindende „Osterreiten“, wo mit buntgeschmückten Pferden ein alter kirchlicher Brauch aufrecht erhalten wurde.  Für uns Jungen blieb jedoch das Tyssaer Anna-Fest mit seinen unzähligen Verkaufsbuden noch stärker in Erinnerung haften.  Hier gab es vom Spielzeug bis zum wohlschmeckenden türkischen Honig viel zu sehen und zu kaufen.  Besonders gern denke ich an die Karussells, Schaukeln und Schießbuden, die gleich neben unserem Haus ihren Stellplatz hatten.  Der Sommer jedoch brachte für uns auf dem idyllisch gelegenen Ziegelteich, mit seinen zahlreichen Möglichkeiten zum Schwimmen oder Bootfahren einen tollen sportlichen Zeitvertreib.  An den Winter, der uns in Tyssa mit Schnee und frostiger Kälte nie im Stich ließ und uns beim Rodeln, Skifahren oder Schneeburgen bauen jeweils große Freude bereitete, erinnert man sich gern.

Es gibt jedoch auch Ereignisse, die man in der Jugend nur einmal erlebte, die jedoch auf Grund ihrer Bedeutung sich ebenfalls fest in die Erinnerungen einprägten.  So erinnere ich mich an 1936, dem Jahr der Olympischen Spiele, wo viele interessierte Tyssaer nach Peterswald wanderten, um dort den tschechoslowakischen Stafettenläufer zu begrüßen, der das olympische Feuer mit seiner Fackel auf deutsches Gebiet nach Hellendorf brachte.  Große Transparente mit der Aufschrift: „Wir grüßen die Jugend der Welt“ sprachen auf deutschem Gebiet vom friedlichen Wettstreit.  Dabei ahnten wir noch nicht, dass es die letzten olympischen Spiele vor dem Krieg sein sollten.  Auf der gleichen Straße von Peterswald nach Hellendorf  wurde nach Kriegsende die Tyssaer Bevölkerung „zurück in das Land ihrer Väter“, wie es später einmal der tschechische Bürgermeister in sarkastischer Form ausdrückte, vertrieben.

Das Jahr 1938 brachte für das Sudetenland das wohl tiefgreifendste Erlebnis.  Es kam die Zeit, wo eine militärische Auseinandersetzung zwischen der CSR und dem Deutschen Reich auf des Messers Schneide stand.  In Tyssa wurden in der Kurve zur Touristenbaude Straßensperren errichtet und auf den Felsen MG-Stände vorbereitet, um den Einmarsch deutscher Truppen aufzuhalten.  Im neuen Schuljahr wurde tschechisch als Fremdsprache eingeführt.  Aber es kam alles anders!  Im nachhinein kann man jedoch feststellen, dass der Wunsch vieler Sudetendeutscher: „heim ins Reich zu kommen“, gleichzeitig der Anfang vom Ende war.

Tyssa als ruhiger, beschaulicher Gebirgsort konnte in späterer Zeit einige Erlebnisse besonderer Art verzeichnen, die besonders die Jugend interessierten.  Wer hatte von uns schon je einmal einen Zeppelin in voller Größe fliegen sehen?  Uns nicht gerade von der „Fliegerei“ Verwöhnten war es jedoch gegönnt, als wir eines Tages aus Richtung Nord kommend, in majestätisch, ruhigem Flug, einen Zeppelin in Richtung Süd über unseren Ort steuern sahen.  Das war natürlich eine tolle Sache und wir hofften, leider vergebens, dass er noch einmal zurück kommen würde.

Der Sohn vom „Hansel-Schuster“, der gegenüber der Schule wohnte, war Pilot bei der Luftwaffe.  Bald sprach es sich herum, dass er an einem bestimmten Tag über Tyssa fliegen würde.  Wie gespannt erwarteten wir diesen Zeitpunkt und freuten uns mit seinen Eltern, als er mit seiner Ju52 im Tiefflug, mit den Tragflächen zum Gruß wackelnd, dahinbrauste.

Ein anderes Erlebnis war, als ein Messerschmidt-Jäger aus technischen Gründen zu einer Notlandung hinter dem Ortsteil Brache auf einem Acker eine Bauchlandung hinsetzte.  Das sprach sich natürlich sofort wie ein Lauffeuer herum und bald konnten wir dieses Ereignis aus sicherem Abstand betrachten, da das Flugzeug bereits bewacht wurde.  Der Pilot kam zum Glück mit dem Schrecken davon.

Viel trauriger endete dagegen ein Absturz eines zweimotorigen Flugzeuges im Wald Richtung Raiza.  Diese Maschine erreichte bei einer Notlandung nicht mehr eine freie Fläche, sondern schlug beim Auftreffen in dem Waldgebiet eine richtige Schneise in die Bäume.  Alle drei Besatzungsmitglieder fanden dabei den Tod und wurden durch die in dortiger Nähe befindlichen Waldarbeiter mit Fallschirmen abgedeckt, bis die offizielle Bergung erfolgte.  In der Zeit des Absturzes lernten wir gerade im Gesangsunterricht bei Lehrer Salamon das Lied „vom guten Kameraden“, als wenn wir die armen Fliegersoldaten damit bei ihrem letzten Flug begleitet hätten.

Ich weiß, dass wohl das traurigste Erlebnis neben dem Verlust eines lieben Menschen, der Tag der Vertreibung aus unserer teuren Heimat für alle Betroffenen ist.  Zufrieden kann sich jedoch der fühlen, der in seinem späteren Lebensabschnitt sich eine neue Existenz aufbaute, gesund blieb und in gebührendem Abstand von bedrückenden Erlebnissen aus seinem Leben, nur noch an erfreuliche zurück denken kann.

Harald Richter,
Rostock