Jugendliche führen durch die Tyssaer Wände

 
Von F. Hiebsch 1968

Wenn ich in der Doppelfolge August 1968 „Trei da Hejmt“ lese und die Bilder von den Tyssaer Wänden sehe, da überkommt mich die Erinnerung an verklungene schöne Zeiten der Jugend.  Heute, wo jeder kleine Ort um Fremdenverkehr wirbt und Kurort werden will, denk ich an die Zeit vor der Jahrhundertwende.  Tyssa brauchte keine Reklame, die Naturschönheiten zogen die Wanderer von selbst an, es waren nicht viele, aber sie kamen.

Durch Zufall wurden mein Schulkamerad, der Walter-Franz (genannt Bankrobert-Franz) und ich Touristenführer.  Wir Schuljungen waren zu jeder freien Zeit in den Wänden zu finden.  Eines Tages sahen wir zwei fremde Männer in dem Felsen-Labyrinth herumirren.  Vorsichtshalber versteckten wir uns, um sie zu beobachten.  Als wir sie für ungefährlich hielten, machten wir uns bemerkbar.  Sie kamen aufgeregt näher und riefen uns in ihrem weichen sächsischen Dialekt zu, wir sollten nicht ausreißen, sie täten uns nichts, wir sollten ihnen nur sagen, wie sie aus den gottverdammten Steinen raus kämen.  „Wir laufen schon zwej geschlochene Stunden in den Kutteln rum un finden keinen Auswech“.  Erst zeigten wir ihnen alles Sehenswerte der Wände.  Beim Echo munterten wir sie auf, das Echo auszuprobieren und laut zu rufen: „Was ist der Bürgermeister von Wesel?“  Sie riefen und zurück kam dreimal hintereinander: „Esel“. „Siehste“ sagte einer, „dos sein mir gemejnt“. Wir führten sie ins Dorf mit ihrem großen Hunger, schickten sie zum Püschner-Fleischer, im ehemaligen Gasthaus „Zum Graden von Thun“, später Arbeiterheim.  Zum Abschied bekamen wir jeder eine Mark.  Nach vielen Dankesworten schauten Franz und ich uns an, als ob wir uns noch nie gesehen hätten. „Mensch, je Meensch!  Eine Mark, was machma dendamit?

Neben der Kirche stand oft die alte Hamprechtin mit der Zuckerbude.  Da wollten wir uns um fünf Kreuzer Mokrontel kaufen.  Doch die Hamprechtin, die konnte nicht wechseln, weils sächsisches Geld war. Was nun?  Da standen wir mit unseren Kenntnissen.  Es blieb nichts übrig als die Mark heim zutragen, wo unsere Eltern erst ein Verhör losließen.  Als Walter-Franz die gleiche Aussage gemacht, legte sich der Verdacht, die Wahrheit hatte gesiegt.

Aber uns kam der Gedanke, die Fremdenführerei auszubauen.  So liefen wir jeden schönen Sonntag um fünf Uhr früh die Raizaer Straße entlang bis nach Otto- oder Schweizermühle oder auch die Schneeberger Straße bis Dorf Schneeberg, um Touristen abzufangen.  Trafen wir eine Partie, begrüßten wir sie sie recht höflich mit der Frage: „Brauchen Sie vielleicht einen Führer durch die Tyssaer Wände?“  Hatte man Glück, verdiente man was, hatte man Pech, gings mit knurrendem Magen heimwärts.  Doch hin und wieder konnten wir auf dem Kutschbock mitfahren oder auf einem Pferdeomnibus.  Das waren immer gute Tage für uns.  Autos gab es noch nicht.

Einmal hatte ich eine Herrenpartie zu führen.  Da war ein sehr gelehrter Herr dabei, der seine Leute über vieles aufklärte.  In der Höhle, wo der versteinerte Eichstamm stand, sagte er, wir sehen hier einen versteinerten Baumstamm, denn vor tausenden von Jahren war hier ein Meer.  Wir sehen das deutlich an den Ausspülungen der Felsen.  Es ist daher möglich, dass die Verkrustung des Stammes noch nach Salz schmeckt.  Mit einem angefeuchteten Finger machte er eine Probe am Stamm und wirklich, er schmeckte Meersalz, seine Kollegen aber schmeckten nichts.  Die Sache ging mir durch den Kopf.  Ich nahm einen alten Topf von Zuhause, gab eine Portion Viehsalz und Wasser hinein und strich mit einem Maurerpinsel den Stamm mit dieser Mischung an.  Nun schmeckte er tatsächlich nach Salz; die Touristen wurden darauf aufmerksam gemacht, die meisten fanden die Salzlecke wundervoll.

Stieg man auf einer holprigen Stiege auf die Oberfläche der Wände, sah man ein wundervolles Panorama, bei hellen Tagen sah man die Türme von Dresden, den Rosen- und Winterberg, den Zinkenstein, weiter nach Leitmeritz zu den Lobosch, Radobil, Eisberg, den Milleschauer, das Mittelgebirge, den Sattelberg bei Schönwald, das schöne Elbetal mit den so malerisch gelegenen Ortschaften, das Polenztal mit dem Scharfenstein.

Unsere Heimat hatte unbegrenzte Wandermöglichkeiten.  Tyssa hat zwei Gebirgsstöcke, den Ausläufer des Erzgebirges Hofeberg, Nollendorf und die Wände Elbsandstein-Gebirge, lang gestreckt bis Schneeberg und weiter bis ans Lausitzer Gebirge – Verklungene Zeiten, die wir Alten nicht vergessen können.