Eine Wanderung von Tyssa nach dem Oberwald

Gleich neben dem Hotel „Böhmische Schweiz“ und dem Wiesengrundstück, auf dem zum Tyssaer „Anna-Fest“ die Festwiese mit dem Kettenflieger sowie Kinderkarussells, Schaukeln und  Schießbuden gestaltet wurde, führt ein Wanderweg abwärts zum Ortsteil Mühlen.  Vorbei geht es an dem Bach, wo wir als Kinder die aus dicker Kiefernrinde geschnitzten Boote schwimmen ließen und sie mit „Holzstabeln“, die wir vom Vinzton Tischler erbaten, bis zum Mühlteich dirigierten.  Vorbei an dem Bach, in dem auch die Frauen ihre große Wäsche spülten, bevor sie diese auf die Bleichwiese legten.  Wir machten uns zu dieser Zeit noch keine großen Gedanken, wo der Bach überhaupt entspringt.  Interessant ist es jedoch jetzt in alten Dokumenten zu lesen, dass dieser „Tysbach“ in den Tyssaer Wänden entspringt und seinen Weg nach dem Mühlteich übers „Tysloch“ bis nach Königswald nimmt und dann in den Eulaubach mündet.  Am Mühlteich angekommen, geht es gemütlich aufwärts zum Ortsteil Baumstück, vorbei an der Firma Weidmüller und dem Försterteich, bis wir den Ortsteil Hof erreichen.  Dass dieser Flurname vom dort seit 1554 existierenden ehemaligen Meierhof stammt, genau wie der Name des Ortsteiles „Brache“, oder dass der Ziegelteich vom „Hofebach“ gespeist wird, war auch nur den wenigsten von uns damals Jugendlichen bekannt.  Nun ist es nicht mehr weit und wir können schon in der Ferne als erstes Zeichen den stählernen Sprungturm, unseren kleinen „Eifelturm“, vom Ziegelteich sehen.  Bei einer kleinen Verschnaufpause gönnen wir uns einen Blick zurück auf die bisher geleistete Wanderstrecke und sind beeindruckt von dem einmalig schönen Felsenpanorama, welches uns die Tyssaer Wände als Kulisse über den gesamten Ortsteil Steinwand bieten.  Weiter geht es zum idyllisch  gelegenen Waldsee, der für Groß und Klein sportliche Anreize oder erholsame Stunden bereithielt.  In Ruder- oder Paddelbooten, auf dem Tretboot oder sogar in einem Segelboot konnte man das Gewässer erkunden.  Während die Kleinen sich in dem flachen Gewässer erfreuen und auf der Wasserschaukel austoben konnten, lockte für die Größeren und Mutigen die vom Sprungturm führende Wasserrutsche oder der „freie Fall“ von mehreren Sprungbrettern bzw. den angebrachten Turnringen.  Wenn wir von der Schule aus gemeinsam zum Ziegelteich wanderten, um die Turnstunden einmal ganz anders zu verbringen, waren wir jedes Mal begeistert.  Für die gastronomische Betreuung der hungernden Wasserratten sorgte im dortigen Restaurant der Gastwirt Anton Habel.  Die Freifläche in diesem Restaurant, ausgestattet mit Sitz- und Tischmöbeln in Form von rot-weiß getupften Fliegenpilzen, ist mir noch in angenehmer Erinnerung.  In unmittelbarer Entfernung vom Ziegelteich  bewunderten wir immer die kleine Wochenendsiedlung „Wolfsgangs - Ruh“, bei der in einer Miniaturausgabe, angefangen von einer Kirche über andere Wohngebäude, eine ganze Ortschaft von Holzhäusern aufgebaut war und zu Übernachtungen einlud.  Sport- und Spielplätze mit Kinderbelustigungen fehlten ebenfalls nicht.

Auf einem Wanderweg, der mit ungezählten Ebereschenbäumen ( Abschbeerbäme sagt der Tyssaer ) besäumt ist, geht es nun in den Oberwald.  Dieses große Waldgrundstück, welches an seiner östlichen Seite bis an die Hänge von Königswald, im Süden in die Nähe an Nollendorf und im Westen an die Kreisgrenze in die Nähe von Jungferndorf reicht, bestand aus einem gesunden Mischwaldbestand, in dem sich Hase, Fuchs und Rehwild wohl fühlten.  Eigentümer dieses Waldgrundstückes und des dortigen Gutshofes waren Prokop Jäger und Söhne, die auch durch die Metallknopffabriken in Tyssa bekannt waren.  Die gute „Seele vom Revier“ die alles hegte und pflegte, war der Forst-Heger Herr Fuchsa aus Königswald, den ich öfters persönlich kennen lernen konnte, wenn mich mein Vater, der ein leidenschaftlicher Weidmann war, mit auf einen Pirschgang mitnahm.  Schon als kleiner Bub, freute ich mich auf so einen Ausflug in die Natur.  Wenn für mich anfangs dieser Weg zu weit war, durfte ich auf den Schultern meines Vaters als „Achselreiter“ die Welt von oben betrachten oder bis zu den Schultern im Rucksack steckend, mich etwas ausruhen.  Zu der letztgenannten Transportart fiel mir ein Jahrzehnt später bei der Wehrmacht die humoristische Aussage ein, die auf langen Märschen besagte, dass erste Zug der Kompanie, in der die Größten marschierten, die Patronentaschen aufzumachen haben, damit die dritte Kompanie, die Kleinsten, einsteigen können.  Manchmal waren aber die Kleinsten die Zähesten!  Wenn ich an den Oberwald denke, fällt mir immer das romantisch unter Bäumen gelegene Blockhaus ein, in dem wir manches Mal übernachteten, um vor dem Erwachen der Natur rechtzeitig auf dem Hochstand Ausschau auf das Wild nehmen zu können.  Wenn dazu in dem Blockhaus auf dem Herd durch uns ein deftiges Essen zubereitet wurde, schmeckte dies besser als das Feinste daheim.  Frische Luft und „Romantik pur“ macht eben den besten Appetit. Im daneben munter dahin plätschernden Gebirgsbach, hatte mir mein Vater ein Wasserrad gebaut, welches stets meine Aufmerksamkeit erregte und mich sogar später inspirierte, derartige Modelle für meine Kinder und Enkel zu basteln.  Das Gleiche traf auch zu für die selbst hergestellten Trillerpfeifen ( Lillapfiepen ) aus den saftigen Zweigen vom „Abschbeerbam“.  Nicht ganz geheuer war mir immer, wenn wir bei unseren Pirschgängen im Hochsommer in Gegenden kamen, wo sich auch Kreuzottern in der Sonne aufhielten.  Dies traf besonders auf Steinrücken zu.  Hohes festes Schuhwerk zu tragen war deshalb angesagt.  Als mein Vater, ausgestattet mit einer langen Holzgabel gekonnt eine Kreuzotter „festnagelte“ und mit seinem Jagdmesser den Kopf abschlug, wurde mir „ganz anders“.  Die kopflose Schlange hätte sich wohl bis zum Sonnenuntergang bewegt, aber ich wollte so schnell wie möglich weg.

Unvergessen bleibt für mich auch der Fund der Überreste einer alten Reiterpistole unter dem Wurzelwerk eines großen Laubbaumes, die nach eingehender Prüfung noch aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon stammte.  1813 tobten hier in der Umgebung von Kulm mächtige Kämpfe der siegreichen österreichischen Verbündeten gegen Frankreich.  Die Pistole bekam einen würdigen  Platz in einem Schaukasten in unserer Schule.

Es war im Dezember 1944 als ich mit meinem Vater das letzte Mal vor meiner Einberufung als 16-Jähriger zum RAD und zur Wehrmacht auf dem Oberwald gewesen bin, um gleichzeitig Abschied zu nehmen, von einem lieb gewonnen Stück Erde. Damals ahnten wir noch nicht, dass es ein Abschied von der alten Heimat für immer werden sollte.  Im Gedächtnis bleibt sie jedoch immer erhalten.

Wenn man nunmehr Jahrzehnte nach unserer Vertreibung den gleichen Wanderweg beschreitet, dann vermisst man bereits anfangs das Hotel „Böhmische Schweiz“, da es in den 70er Jahren teilweise abgebrannt ist und für einen Wiederaufbau die Mittel fehlten.  Die Abbrauchreste wurden genutzt, um neben dem „Richter Förster“ und gegenüber der „Drogerie Blechinger“ einen Parkplatz zu schaffen.  Das unterhalb des Hotels befindliche „Lichthäusel“ ( Trafostation ) und das Eisdepot für den Hiekenfleischer und Hotel sind auch weg.  Der durch den ganzen Ort fließende Bach wurde unterirdisch bis zum Mühlteich in Röhren verlegt.  Der Mühlteich ist für die jetzigen Bewohner von Tyssa als Badeteich umgestaltet, da der Ziegelteich als Freibad abgeschafft wurde und außer der Sperrmauer und einer kleinen Wasserfläche  nichts mehr an unser herrliches Waldbad erinnert.  

                                                            Harald Richter
                                                            Rostock, Mai 2007