Das Kriegerdenkmal in Tyssa
 

Der damalige Pfarrer von Tyssa, Johannes Wiesinger, schrieb 1926 zum Gedenken der Renovierung der Kirche St. Anna u.a., dass er sich zusätzlich wünschte, dass eine Turmuhr mit transparenten Zifferblättern, eine Heizungsanlage, ein Kriegerdenkmal und eine Parkanlage um die Kirche errichtet würde.  Er formulierte dazu weiter: „Ob es jemals dazu kommen wird, muss der göttlichen Vorsehung überlassen werden.“

Von seinen Wünschen, die bestimmt auch von breiten Kreisen der Bevölkerung unterstützt wurden, ging jedoch in den folgenden Jahren nur die Errichtung des Kriegerdenkmals in Erfüllung.  Am Fuße der Tyssaer Wände wurde zu Ehren der im 1. Weltkrieg gefallenen Soldaten aus Tyssa ein würdiges Kriegerdenkmal errichtet.  Auf einer Metalltafel sind die Namen der 70 Gefallenen zum ehrenden Gedenken festgehalten und das Denkmal und sein Umfeld wurden liebevoll gepflegt.  Man hoffte damals, dass sich so ein Krieg mit unseligen Opfern nie mehr wiederholen möge.

Die Geschichte lehrte uns jedoch eines anderen!  Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges musste das Kriegerdenkmal leider wieder als Ort „ehrenden Gedenkens“ für die gefallenen Söhne des Ortes dienen.  Mit einer Ehrentafel aus Holz, gekrönt mit dem Eisernen Kreuz und der Aufschrift: „Für Führer und Reich“ wurde der Name des ersten gefallenen Soldaten „Franz Freier“ 1939 eingetragen. Im Verlaufe des Krieges füllten sich die Eintragungen.  Mein Bruder, Gerdi Richter, der im November 1942 mit 20 Jahren vor Moskau fiel, war schon das 14. Opfer.  Auf meinem Foto von 1944 waren bereits Namen von 33 gefallenen Soldaten eingetragen, der letzte davon „Richard Austen“.  Ich bin mir sicher, dass es leider bis Kriegsende noch lange nicht das letzte Opfer gewesen ist.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass zu Ehren der gefallenen Soldaten und als Traueranzeige gegenüber der Kirche in einem Schaukasten das Bild des Soldaten mit würdigendem Text zu sehen war und im Kinosaal eine öffentliche Trauerfeier abgehalten wurde.

Was hat der unselige Krieg doch für Leid und Elend mit sich gebracht!  Die im Kriege gebliebenen Soldaten gaben ihr Wertvollstes, ihr Leben und ihre Familien verloren nicht nur einen lieben Angehörigen, sondern dazu noch ihre Heimat.

Wer nun in Tyssa das Kriegerdenkmal besucht, erkennt es nur noch an seinem stehen gebliebenen Mauerwerk.  Auch die Metalltafeln sind verschwunden.  Und wo früher gepflegtes und blühendes Umfeld war, hat Unkraut und Wildwuchs alles überzogen.

So bleibt nur die Erinnerung!

Harald Richter,
Rostock